Kategorie: Xplained

R wie…Retrodirekt

Retrodirekt ist eine Antriebsart, bei der das Fahrrad nur zwei Gänge hat, die völlig mechanisch ohne jegliches Schalten funktionieren. In welchem Gang man fährt, wird beim Retrodirekt-Antrieb allein über die Tretrichtung gesteuert. Tritt man wie gewohnt vorwärts, fährt man einen höheren Gang. Tritt man rückwärts, fährt man einen kleinen Gang mit geringerer Übersetzung – zum Beispiel am Berg. Auch beim Rückwärtstreten fährt man selbstverständlich vorwärts.

Diese aus Frankreich stammende Technik, die dort bei Retrodirekt-Fahrrädern in den 1920-/30-er Jahren verbaut wurde, verwendet zwei parallele Freiläufe mit unterschiedlich großen Ritzeln und einen Umlenker. Die Kette ist dabei gekreuzt verlegt und führt über beide Ritzel. Das Prinzip ist an sich relativ simpel aber genial!

Die Technik hat sich nicht durchgesetzt und  man sieht daher die Fahrräder mit Retrodirekt-Antrieb sehr selten und meistens nur auf Ausstellungen von Rad-Klassikern. So ein Rad habe ich dieses Jahr auf der Fahrradschau gesehen. Die fachkundigen Jungs, die neben mir standen und auch staunten, haben mir versichert, dass das tatsächlich funktioniert! Faszinierend! Sehr gern möchte ich die Gesichter von Passanten sehen, wenn man beim Rückwärtstreten mit dem Rad lässig den nächsten Hügel hochfährt! Schon sehr verrückt!

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B wie…Bike Fitting

Das Problem ist vielen Radfahrern, die etwas mehr Zeit im Sattel verbringen, wahrscheinlich sehr gut bekannt: nach einer Weile auf dem Rad fangen die Füße oder Hände an einzuschlafen, die Nackenmuskulatur verspannt sich und die Knie fangen an zu schmerzen…Man kann keinen Druck mehr auf die Pedale bringen. Die schönen Aussichten von der Gegend, die beim Fahren an einem vorbeigleiten,  kann man auch nicht mehr genießen und man kann es kaum erwarten vom Rad abzusteigen. Das muss aber nicht sein. Die Lösung für das Problem ist Bike Fitting. Als „Bike Fitting“ bezeichnet man einen Prozess der Optimierung der Sitzposition nach individuellem Maß des Fahrers oder der Fahrerin.

Da mein Rennrad ein absoluter Spontankauf war und ich mir im Vorfeld überhaupt keine Gedanken zur passenden Rahmengeometrie und Rahmengröße gemacht habe, hat sich relativ schnell herausgestellt, dass irgendetwas nicht richtig ist und nicht passt, da ich nach mehreren Stunden auf dem Rad mit schmerzenden Knien und taub werdenden Füßen zu tun hatte…Glücklicherweise ergab sich für mich eine Möglichkeit ein Bike Fitting mit Thomas Pollesche von der Bike Academy zu machen. Darüber, wie das durchgeführt wird und was das tatsächlich bringt, möchte ich an dieser Stelle ausführlich berichten.

1. Anamnese:
Ein wenig erinnert es mich an einen Besuch beim Paar-Therapeuten. Man erscheint mit dem Rad und der Spezialist versucht in Erfahrung zu bringen was dem effektiven und schmerzfreien Rad-Mensch-Zusammenspiel hinderlich ist. Wie bei einem Therapeuten findet  zuerst ein eingehendes Gespräch statt, in dem geklärt wird, wie häufig man fährt, in welchen Umfängen trainiert wird, wie leistungsorientiert man ist, wann und welche Beschwerden beim Fahren auftreten. Auch die Vorgeschichte in Bezug auf orthopädische Fehlstellungen der Füße und Beine wird unter die Lupe genommen.

2. Vermessung:
In einem zweiten Schritt wird man auf die allgemeine Beweglichkeit hin untersucht und aufs Genaueste vermessen: Schrittlänge (relevant für die Rahmenhöhe), Armlänge (relevant für den Abstand zwischen Sattel und Lenker), usw. Auch die individuellen körperlichen Gegebenheiten, wie z.B. unterschiedlich lange  Füße, Fußrotation nach innen/außen bei der Kippung des Oberkörpers nach vorn werden in Erfahrung gebracht. Diese werden später beim Vornehmen der Einstellungen am Rad und an den Radschuhen berücksichtigt. Dann geht es auch dem Rad an den Kragen. Das Rad wird in eine Radrolle eingespannt und ebenfalls vermessen: Rahmengröße, eingestellte Sitzhöhe, Überhöhung zwischen Sattel und Lenker, Oberrohlänge, usw.

3. Inspektion der Radschuhe:
Auch die mitgebrachten Radschuhe werden untersucht, um auszuschließen, dass mögliche Beschwerden im Fuß- und Kniebereich durch unpassende Radschuhe oder falsch eingestellte cleats verursacht werden. In meinem Fall war eine falsche Einstellung der cleats maßgeblich für den Belastungsschmerz im linken Knie verantwortlich.

4. Einstellungen:
Im letzten Teil wird mittels einer Videoanalyse mit einem speziellen Programm versucht die Harmonie zwischen Mensch und Maschine herzustellen. Nachdem man auf das Fahrrad steigt, werden beim Fahren auf der Rolle Video- und Stand-Aufnahmen gemacht. Mit diesen Aufnahmen wird die aktuelle Sitzposition genau ausgewertet und vermessen: die Winkel zwischen dem Unter-und Oberarm, zwischen Oberkörper und Oberschenkel, zwischen Ober- und Unterschenkel und zwischen Unterschenkel und Fuß.  Es werden dann vor Ort die notwendigen Anpassungen am Rad vorgenommen, z.B. das Verstellen der Sitzhöhe. Es werden erneut Aufnahmen von der neuen Sitzposition gemacht und anschließend ausgewertet. Die Anpassung geht dann so Schritt für Schritt weiter, bis eine optimale Sitzposition erreicht wird.

Bei mir hat sich herausgestellt, dass der Rahmen meines Rennrads für mich viel zu klein ist und ich sehr niedrig und gestaucht auf dem Rad saß. Ich habe dann von Thomas genaue Angaben und ein Protokoll der erforderlichen Sitzposition erhalten und musste erstmal eine neue Sattelstütze und einen neuen Vorbau kaufen. Eine längere Sattelstütze mit einem Versatz nach hinten und ein längerer Vorbau konnten den Rahmen soweit „auseinander ziehen“, dass die von Thomas angegebenen Maße meiner idealen Sitzposition erreicht werden konnten. Nach mehreren Trainingskilometern im Sattel bin ich sehr zufrieden gewesen. Die Kraftübertragung ist wesentlich besser und ich sitze deutlich gestreckter, was ich auch in der Unterlenker-Position als angenehm empfinde. Was am wichtigsten ist: von tauben Füßen und schmerzenden Knien ist nichts mehr zu merken!

A wie … Alleycat

Wie so viele Begriffe kommt “Alleycat” aus dem Englischen und bedeutet “streunende Katze”. Als Alleycat wird ein meist unangemeldetes Event in der urbanen Velo-Szene bezeichnet, welches einer Schnitzeljagd in der Stadt sehr ähnlich ist und meistens im Schutz der Dunkelheit stattfindet. Auf eine spielerische und spaßige Art spiegelt Alleycat den Alltag von Fahrradkurieren wieder. Wie bei einer Schnitzeljagd haben die Teilnehmer verschiedene festgelegte Stationen, auch „checkpoints“ genannt, so schnell wie möglich abzufahren.

Die festgelegten checkpoints werden den Teilnehmern kurz vor dem Start des Alleycats durch ein Manifest mitgeteilt, ein Dokument, das den genauen Streckenablauf und weitere Anweisungen und Hinweise enthält. Dabei gibt es viele gestalterische Möglichkeiten. Manchmal ist die Reihenfolge der abzufahrenden checkpoints festgelegt. Manchmal ist die Routenplanung dem Radfahrer und manchmal dem Schicksal in Form von Würfeln überlassen. An den checkpoints müssen die Teilnehmer verschiedene Aufgaben lösen. Das können verschiedene Denkaufgaben, Bike-Trivia-Fragen, praktische Bike-Geschicklichkeits-Proben oder gar lustige und exotische nonsense-Aufgaben sein. Falsche Antworten oder ungelöste Aufgaben werden mit einem Schnaps oder einem ekligen Getränk geahndet. Strafe muss sein, und sie darf nicht schmecken!

Das erfolgreiche Passieren eines checkpoints wird mit einem Stempel bestätigt. Bei einem Alleycat erhalten die Teilnehmer keine Startnummern, wie es bei anderen Radveranstaltungen oder Rennen üblich ist. Verwendet werden Karten, z.B. Tarot-Karten, die nummeriert und zwischen den Speichen des Vorderrads geklemmt werden. Häufig werden diese Erkennungskarten sehr kreativ und aufwendig gestaltet, laminiert und auch nach dem Alleycat gern in den Speichen als Erinnerungsstück gelassen.

Im Verlauf des Events tun sich häufig die Fahrer zu Teams zusammen, da Ortskenntnisse für eine schnelle Zeit von großer Bedeutung sind. Meistens geht es aber nicht um den Sieg. Spaß und Kommunikation mit Gleichgesinnten und das Gefühl eine eingeschworene Gemeinschaft zu sein stehen im Vordergrund.