Kategorie: This & that

Radsport in Tiraspol

Kalt, unbeständig und herbstlich, regnerisch ist der Sommer dieses Jahr in Deutschland. So fiel es Martin und mir nicht sonderlich schwer, unser Taschen zu packen und Richtung Süden nach Transnistrien zu reisen, um meine Familie zu besuchen und die letzten richtigen Sommertage zu genießen. Natürlich nicht ohne einen Plan und Mitbringsel für die mit uns befreundeten Nachwuchs-Rennfahrer aus der Sportschule СДЮШОР N.3, die wir schon im Januar besucht haben (zum nachlesen hier).

Dies Mal wollten wir dort Radsportbekleidung übergeben, die freundlicherweise Stephan Haase, David Weinreich, Manfred Schwarz, Betriebssport Verband Hamburg, Prolog Cycling Wear und unsere eigene Kleiderschränke zu Verfügung gestellt haben. Die Wiedersehensfreude mit der Radsportgruppe um den Trainer  Wjatscheslaw A. Schewtschuk war groß. Fröhlich haben uns die Jungs aus der Radsportabteilung und ihr Trainer über die sportlichen Erfolge dieser Saison berichtet. Unser Freund Sascha (Alexandr Tkatschenko) hat sich für die moldauische Jugend-Nationalmannschaft qualifiziert und ist in dieser Saison viele internationale Etappenrennen im Ausland gefahren. Dort konnte wertvolle Rennerfahrung sammeln und mit soliden Ergebnissen überzeugen.

Jungs in neuen Trikots

Aus einer einfachen Übergabe von mitgebrachten kunterbunten Spendensachen wurde schnell eine gemeinsame Trainingseinheit: Martin und ich durften die Jungs beim Training begleiten. Die Nachwuchsfahrer in einer perfekt ausgerichteten Windstaffel mit sauberen Ablösungen, der Trainer auf dem Moped hinterher und das alles mit einer ordentlichen Portion Wind und Höhenmeter. Für mich war dieses Training stellenweise sogar schwerer als ein Rennen. Und als die Jungs dann ihre individuellen Intervalle fahren mussten, musste ich noch ein 10-km langes Motortraining mit dem Trainer absolvieren.

Das war nur zum warm werden. Am 6.-8. September wurde in Tiraspol ein Etappenrennen ausgetragen, um der im Transnistrischen Konflikt ums Leben gekommene Radrennfahrer Brüder Skrebniky zu gedenken. Über die drei Tage haben die Nachwuchs-Rennfahrer aus Transnistrien und aus dem benachbarten Moldawien beim 10km Einzelzeitfahren, 45-km Straßenrennen und 20-km Paarzeitfahren ihre Kräfte gemessen. Zum ersten Mal durften auch die Jedermänner und –frauen mitmachen und Martin und ich haben das Angebot ohne zu zögern angenommen. Zu unserem Staunen hat das lokale Fernsehen im Abendprogramm ausführlich über das Etappenrennen berichtet und die Interviews mit den Favoriten und Organisatoren übertragen.

Es hat uns viel Spaß gemacht ein Teil dieser Veranstaltung zu sein, mit Rennfahrern, Trainern und Radsportfunktionären zu sprechen und sich auszutauschen. Wir haben viel geschwitzt, gelacht und zwischendurch geflucht (beim Straßenrennen bin ich hinter einer Kolonne Mähdrescher stecken geblieben). Wir kommen zurück nach Berlin mit dem Kopf voller neue Eindrücke und Ideen und freuen uns jetzt schon über den nächsten Besuch bei den Jungs aus СДЮШОР N.3.

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Purcari Wine Run 2017

Seit meiner Schulzeit habe ich in meiner Heimat Moldawien an keinen Laufveranstaltungen mehr teilgenommen. Damals war ich häufiger für meine Schule auf den crossigen Wald- und Feldwegen unterwegs. Dann kam das Studium und der Bewegungsdrang wurde durch andere Sportarten gestillt. Das Laufen habe ich erst wieder entdeckt, als ich in Deutschland war und verletzungsbedingt Ultimate Frisbee aufgeben musste.

Als ein Bekannter mir vom Purcari Wine Run erzählte und mich einlud mitzumachen, hatte ich bereits einen Plan: Nach Moldawien fliegen, meine Familie besuchen und dort mal wieder einen Crosslauf machen. Back to the roots! Schnell stellte ich fest, dass der Purcarin Wine Run etwas ganz Besonderes sein wird. Er findet in den Weinbergen von Purcari statt, einem regional bekannten Weinanbaugebiet im Süden Moldawiens. In Zusammenarbeit mit dem Weingut Château Purcari hat der Veranstalter Sporter eine recht anspruchsvolle 10-km Strecke durch den 250 Hektar Weinberg ausgesucht und diese mit fünf Versorgungspunkten versehen. Das Besondere dabei: An jedem Versorgungspunk kann man neben Obst und Wasser auch eine ausgewählte Weinsorte des Weinguts Purcari verkosten. So ein Angebot konnte ich nicht ausschlagen.

Nach der Ankunft zum Veranstaltungsort wurde mir schnell klar, dass es auch ohne Weinverkostung unterwegs eine schwere Angelegenheit sein wird. Die Gegend um das Château Purcari sah traumhaft schön, aber sehr hügelig aus. Die Laufrunde versprach viele Höhenmeter und die Temperaturen kletterten schon in den frühen Morgenstunden in den Bereich von 32 Grad.  Noch wärmer als die moldauische Morgensonne war aber die Stimmung vor Ort. Noch vor der Weinverkostung auf der Strecke waren die Läufer/innen gut gelaunt. Es wurde viel gelacht, gescherzt und spekuliert, wer wohl unterwegs an den Versorgungspunkten anhalten wird und wer nicht. Noch kurz warmlaufen, sich aufstellen, kurz ausatmen die 10 Sekunden bis zum Start runterzählen und endlich dem Weinberg-Abenteuer entgegenlaufen.

Schon der erste Kilometer lieferte einen Vorgeschmack auf die bevorstehnde Strecke. Es wird hart, wirklich hart! Die ersten 5 km ging es fast ausschließlich bergauf auf staubigen, teils vom Regen ausgewaschenen, teils mit Gras verwachsenen Wirtschaftswegen und schmalen Pfaden. Bei den für mich recht ungewohnten hohen Temperaturen fragte mich mein Verstand, wie ich das wohl durchstehen will. Auch für die flacheren Passagen haben sich die Veranstalter etwas einfallen lassen und haben uns kurzerhand direkt zwischen den Rebstöcken auf den frisch gepflügten Boden geschickt.

Der zweite Teil der Strecke war nicht weniger technisch, mit vielen Kurven und einem schwierig zu laufenden Boden; entlohnte die Läufer/innen aber mit traumhaften Naturpanoramen. Leider konnte ich die schönen Aussichten nicht in vollen Zügen genießen, denn eine weitere Läuferin machte von hinten Druck und ich musste mich sputen, um meine Position zu halten. Die Freude war dann groß als ich Martin am Streckenrand sah und wusste, dass er mich bis zur Ziellinie begleiten wird und mir auf den letzten Metern die so dringend benötigte moralische Unterstützung leisten wird. 50:46,2 auf der Anzeigetafel, knirschender Staub auf den Zähnen und ich als 2. Frau im Ziel. Geschafft! Was für ein harter aber großartiger Lauf!

Und das Beste daran war, dass ich meinen lieben Martin, meine Schwester Natascha und meinen Schwager Felix dabei hatte und meine Erleichterung und Freude nach dem Lauf mit ihnen teilen konnte. Es wurde Hora getanzt, Wein verkostet (ich habe unterwegs alle Pitstops ausgelassen) und auf diese schöne Erfahrung angestoßen. Wenn es in die Urlaubspläne passt, komme ich nächstes Jahr gern wieder. Jetzt weiß ich sehr wohl,  worauf ich mich bei der Strecke gefasst machen muss.

Mein Strava-Track: https://www.strava.com/activities/1166231711

Alle Bilder Sporter.md und privat.

Endlich fertig

Das neue Fahrrad ist endlich fertig. Nach einigen Tagen des Schraubens waren alle Komponenten da, wo sie hingehören und ich bin hin und weg von meinem neuen Stahlross. Genau so habe ich es mir vorgestellt. Es ist ein tolles Gefühl, es in Blut und Fleisch…hm…eher in Stahl und Carbon vor mir  stehen zu sehen.

Ich musste erst einem grippalen Infekt Widerstand leisten  – das Rad hat es derweil geschafft, bei einem Foto-Shooting für ein Fahrradmagazin Modell zu stehen, und mit seinem Macher Robert von Big Forest Frameworks auf die Berliner Fahrradschau zu gehen. Bevor es dann auf die Straße gehen konnte, waren wir noch bei Thomas von Bike Academy Berlin, um uns aufeinander einstimmen zu lassen. Der schone De Rosa Sattel musste leider einem anderen Kollegen weichen. Dafür konnte ich aber mit Hilfe von Thomas eine gute Position auf dem Rad finden.

Nach so vielen Terminen und krankheitsbedingten Verzögerungen wolle ich eigentlich nur noch eins: aufs Rad steigen und fahren. Die 100-km Kennenlerntour am Wochenende hat mir viel Spaß gemacht. Mein Fazit: das Rad fährt sich sehr gut, die Sitzposition stimmt jetzt auch und ich bin nicht nur vom Aussehen, sondern auch vom Fahrgefühl begeistert. Die Abkürzung von Big Forest Frameworks (BFF) kann ich für mein Rad und mich jetzt anders deuten: best friends forever 😉

Fahrradmütze reparieren

Wer kennt das nicht? Da setzt man sich die Lieblingsfahrradmütze auf, es gibt ein leises Klack-Geräusch, und der Schirm der Mütze hat auf einmal einen scheußlichen Knick. Das ist schon ziemlich ärgerlich, kann aber schnell und einfach behoben werden. Ich zeige in sechs einfachen Schritten, wie das geht. Dafür benötigen wir eine kleine Schere, Nadel, einen zu der Mütze farblich passenden Faden und eine Kunststoffmappe, aus der wir einen neuen Schirm ausschneiden werden.

Schritt 1: Zuerst trennen wir an einer Seite des Schirms vorsichtig die Naht ca. 5 bis 8 cm von der Innenseite auf. Manchmal sind an dieser Stelle zwei Nähte vorzufinden. Eine ist im Schirm selbst. Die andere wird dazu benutzt, den Schirm an der Mütze zu befestigen. Beide sollen aufgetrennt werden.

Schritt 2: Nachdem die Naht aufgetrennt ist, kommt man ganz leicht an den verknickten Plastik-Schirm der Mütze heran.

Schritt 3: Der auszutauschende Plastikschirm wird nun durch die Öffnung heraus genommen.

Schritt 4: Der alte Schirm wird als Vorlage für den neuen Schirm benutzt. Ich habe für den Ersatzschirm eine Leitz-Mappe aus festem Kunststoff benutzt, für die ich keinen Gebrauch mehr hatte.

Schritt 5: Der neue Schirm wird durch die Öffnung eingeführt und in die richtige Position gebracht.

Schritt 6: Nach dem Hereinlegen des neuen Schirms wird die Öffnung wieder zugenäht.

So einfach geht das. Und jetzt wieder die Radmütze auf und ab aufs Rad!

 

Neue Kleider für den moldawischen Jugendmeister

Noch vor ein paar Jahren wäre die Bemerkung meiner Schwester, dass der vierzehnjährige Sohn ihrer Nachbarn Radsport treibt und so ziemlich alles gewinnt, was in Transnistrien zu gewinnen gibt, völlig untergegangen. Als sie das im letzten Sommer erzählt hat, während Martin und ich bei meiner Familie in Tiraspol zu Besuch waren, hat uns diese beiläufige Bemerkung aufhorchen lassen. Zu groß war unsere Neugier auf diesen U15-Landesmeister, der in der gleichen Gasse schräg gegenüber von meiner Familie wohnt. Schon einige Tage später saßen wir an einem lauen Sommerabend auf dem Hof meiner Schwester im Schatten eines Weinrebenbogens und haben uns lange mit dem U15-Landesmeister über den Radsport, sein Training, seine Zukunftspläne und Radfahren in Transnistrien im Allgemeinen unterhalten. Er heißt Alexandr Tkatschenko (14), studiert an einer Sportschule und trainiert seit mehreren Jahren in der Radsportabteilung der spezialisierten Schule Nr. 3 für die Olympia-Reserve für Kinder und Jugendliche der Stadt Tiraspol. (СДЮШОР N.3). Nach seinen ersten Erfolgen hat er sich für eine Radsportkarriere entscheiden und wird nächstes Jahr in den Landeskader aufgenommen. Der anfangs sehr schüchtern wirkende Sascha lebte förmlich auf, als er uns von seinem Training und seinen Zukunftsplänen erzählt.

Das sonst sehr angenehme Gespräch hinterlässt bei uns aber einen bitteren Nachgeschmack. Schnell wird klar, dass die Ausstattung der staatlich finanzierten Radsportabteilung rudimentär ist und dass es den Nachwuchsradrennfahrern an essenziellen Sachen wie z. B. Radsportbekleidung fehlt. Neue Bekleidung, von Fahrrädern ganz zu schweigen, können sich viele Familien nicht leisten. Die sonst so hilfreichen Secondhand-Läden bringen einen leider auch nicht weiter, denn die Radbekleidung in Kindergrößen sucht man hier vergebens. Zurück in Deutschland ging uns die Begegnung mit dem jungen, schüchternen Landesmeister nicht aus dem Kopf. So haben wir einen kleinen Aufruf im Familien- und Bekanntenkreis gestartet und haben Radtrikot-Spenden für die Nachwuchsgruppe der Radsportabteilung in Tiraspol gesammelt. Dem Ruf sind Jürgen, Kleiderschränke von Martin und Peter und das veloCenter in Kiel gefolgt, der uns freundlicherweise Restposten der Giant-Alpecin Teambekleidung zur Verfügung gestellt hat.

Als ich im Dezember über die Feiertage bei meiner Familie zu Besuch war, habe ich Saschas Sportschule besucht, seinen Trainer und andere Jugendliche aus der Nachwuchsgruppe kennengelernt. Die 1965 in Tiraspol gegründete Radportabteilung hat in ihrer sowjetischen Vergangenheit einige UdSSR-Meister und Klassikerjäger wie Andrej Tschmil, Gewinner von Paris-Roubaix (1994), Mailand-San Remo (1999), Flandern-Rundfahrt (2000) und Rad-Weltcup Sieger (1999) hervorgebracht. Von den erfolgreichen Zeiten dieser Radsport-Kaderschmiede zeugen die nun etwas vergilbte Wandzeitungen mit Bildern ihrer Schützlinge und nostalgische Erzählungen vom Trainer, Wjatscheslaw A. Schewtschuk, der mich durch die Schule geführt hat und sich lange mit mir über den Radsport in Tiraspol unterhalten hat. In einem Staat, in dem der Alltag von einer chronischen Wirtschaftskrise geprägt ist, wird die akut fehlende staatliche Sportförderung durch den Einsatz von Eltern und Familien und hohe Motivation der Trainer kompensiert.

Nach der Besichtigung habe ich die Sportkameraden von Sascha kennengelernt und die mitgebrachten Trikots überreicht. Über die unerwarteten kleinen Geschenke so kurz vor orthodoxem Weihnachtsfest haben die Jungs sich sichtlich gefreut. Mich ließ der Eindruck nicht los, dass sie sich noch mehr über das Interesse und Aufmerksamkeit gefreut haben, die sie mit diesem kurzen spontanen Besuch bekommen haben.

Zu Verabschiedung haben wir uns nur kurz  „пока, до лета“ (bis Sommer) gesagt. Es war uns allen klar, dass wir uns bald wieder sehen. Vielleicht sogar bei einem der dort organisierten Rennen, zu den wir eingeladen wurden. Eins ist klar: wir wollen im Sommer einen größeren Sachspende-Aufruf für die Schule starten und hoffen, dass in der kommenden Saison die Jungs in gespendeten Klamotten viele Trainingskilometer abspulen und sportliche Erfolge feiern werden.

Lieben Dank an private Spender und großzügige Sponsoren wie veloCenter von den Jungs der Radsportabteilung in Tiraspol und von BRC Endspurt für die großartige Unterstützung!